Kunst
der Amarnazeit
Anderthalb
Jahrtausende gab es in Ägypten ungeschriebene Regeln und Gesetze künstlerischen
Gestaltens. Götter und Menschen, die in der Flachbildtechnik dargestellt
wurden, hatten charakteristische Wesenszüge zu tragen. Die Kunst war statisch
und hierarchisch. Je bedeutender das Objekt, desto größer war die Darstellung
und je unbedeutender, desto kleiner wurde das Objekt dargestellt.
Während der Regierung von Hatschepsut, Thutmosis III. und Amenhotep II. wird eine gewisse Schlichtheit in der Ausführung deutlich, die sich unter Thutmosis IV. und vor allem unter Amenhotep III. zu einem realistischeren, lockeren, ins Detail verliebten Stil aufschwingt. Amenhotep III. ließ nichts an sich beschönigen. Auf den meisten Plastiken ist sein fetter Bauch herausgearbeitet.
Und doch ist das alles erst Vorspiel zu der ausufernden, bis an die Karikatur heranreichenden Amarna-Kunst. Der König wird gotisch langgezogen und mit einem birnenförmigen Gesicht dargestellt, das von einer langen Nase beherrscht wird und schräg gestellte Augen aufweist, deren Lider halb geschlossen sind. Der Mund, wulstig und beinahe herzförmig, wird von zwei schräg stehenden Wangenfalten eingerahmt. Obwohl der revolutionären Kunst von Amarna nur anderthalb Jahrzehnte vergönnt waren, spielte sich in dieser kurzen Zeit künstlerisch viel mehr ab als in den Jahrhunderten davor oder danach.
Der extreme Amarna-Stil herrschte bis zur Mitte der Regierungszeit Echnatons vor. Er ist geprägt von dem völlig neuen Königsbildnis, das alle Darstellungen beherrscht. Es sollte frei von jeder Idealisierung sein und sich an der Realität orientieren. Dabei kam es zu Übertreibungen und Verzerrungen. Danach setzte eine Milderung des extremen Stils ein, wobei die starken Übertreibungen und Verzerrungen im Königsbildnis abgebaut wurden.
Mit der Aufgabe von Achetaton war keineswegs die Geschichte dieser Kunst zu Ende. Die versenkten Reliefs machten wieder den erhabenen Platz und Aton weicht Osiris. Trotzdem bleiben viele Kunstwerke der Pharaonen der XIX. Dynastie undenkbar ohne Echnatons Gedankenwelt: die bewegten ramessidischen Schlachtenbilder mit dem kämpfenden König als Zentralfigur, die Darstellungen der Götterverwehrung und die Schaustellung von Kultszenen. Ohne die Amarna-Zeit wäre die ägyptische Kunst nicht nur ärmer, sie wäre anders.