Die Krönung von Ramses II.

Ramses konnte sicher die ereignisreichen Tage seiner Einweihung in die Mysterien kaum erwarten. Der gesamte Ablauf dieser Prozedur wurde regelmäßig am Neujahrstag im „Tempel der Millionen Jahre“ wiederholt. Das Krönungsritual begann schon früh am Morgen. Sobald Ramses erwacht war, kamen die Zeremonialpriester und trugen ihn zur „Pharaonentaufe“ vor das Tor des Tempels. Vier Priester mit den Masken des Horus, des Thot, des Seth und des falkenköpfigen Dunanui stellten sich um Ramses herum. Horus wusch ihm das Gesicht und Seth rieb es trocken. Danach wurde Ramses neunmal mit heiligen Ölen aus Ober- und Unterägypten gesalbt. Sie bewahren den König vor jedem Angriff des Bösen und stellen seinen Körper unter den magischen Schutz der Göttin Isis.Danach wird dem König im Allerheiligsten eine lange Schärpe aus rotem Leinen mit sechzig geknoteten Fransen um den Hals gehangen. Die Schärpe trug ein schwarzes Ornament aus dreißig oberägyptischen und dreißig unterägyptischen Kronen und den Königsjubiläen. Der Zeremonienmeister legte ihm dann zwei Zepter in die Hände und Ramses bekam ein Diadem, an dem ein Stirnband mit Uräus befestigt wurde, Schärpe befestigt. Ramses erhielt auch die weißen Ledersandalen und den „Stab der fremden Länder“, die seine Herrschaft über die Macht des Bösen versinnbildlichen sollten.

Dann wurde der neue König eingekleidet. Ramses trug nur den Lendenschurz des Königs, der seit dem König Narmer, üblich geworden war. Auf einem Thron empfing Ramses nun von Priestern die weiße Krone des Südens, die rote Krone des Nordens und die Doppelkrone, die für die Vereinigung der beiden Länder steht. Der König trat danach in verschiedene Kapellen ein. Dort wurden ihm Kopfbedeckungen mit bestimmten Bedeutungen auf den Kopf gesetzt (Atefkrone des Re mit Straußenfedern, ein Diadem, die Hemhemetkrone, die Perückenkrone und Leinenkopftücher). Ramses erhielt nun seine Titulatur mit den üblichen fünf Namen: „Mächtiger Stier, Geliebt von der Maat, Beschützer Ägyptens, Der die fremden Länder unterwirft, Goldhorus, reich an Jahren, groß an Siegen“.  Bei Einbruch der Nacht trat Ramses in eine Art Betäubungszustand ein, den symbolischen Tod. Danach trat er endgültig in seine neue Existenz als König über. Zur Absicherung seiner Herrschaft mußten noch symbolisch alle bösen Kräfte gebannt werden. Dazu enthauptete man Pflanzen in zwei Reihen zu jeweils sieben Exemplaren. Nach diesem Ritual wurde Ramses in eine rote Leinenrobe gehüllt, die mit schützenden Amuletten behängt war. So bekleidet, betrat der König das Haus des Lebens. Dort brachten ihm die Priester neun lebende Vögel (Falken, Geier, Milan, Nilgans, Wachtel, Schwalbe, Kranich). Den Falken legten die Priester auf den Nacken des Königs. Symbolisch soll der Falke schützend seine Schwingen über die Herrschaft ausbreiten. Nach diesen Riten, die sich im Verborgenen abspielten, wurde die Krönung im ganzen Land gefeiert, da einige Rituale für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Ramses mußte Großtaten vor dem Volk vollbringen, so zum Beispiel einen wilden Stier niederstrecken und gefährliche Strauße verfolgen. Für noch größere Ausgelassenheit sorgte auch die Begnadigung zahlreicher Gefangener. Ramses fuhr auf seinem goldbeschlagenen Wagen, dem Sonnengott gleich, durch das Volk. Der junge König entwickelte während seiner ersten dreißig Regierungsjahre einen rastlosen Tatendrang.