Schlacht von Kadesch
Die
Schlacht bei Kadesch ist die erste in der Geschichte, von der auch die Taktik
und die Aufstellung des gegnerischen Heeres überliefert sind. Muwatallis, König
von Chatti, und Ramses II. strebten nach der Vorherrschaft in einem Gebiet, das
sich vom Zweistromland bis an das Mittelmeer erstreckte. Wer den Handel in
diesem Gebiet kontrollierte, war die beherrschende Großmacht jener Zeit. Die
große Schlacht bei Kadesch dauerte keinen ganzen Tag und Ramses II. machte sie
später zu einem Ereignis besonderer Wichtigkeit.
Ramses II. verließ in seinem 5. Regierungsjahr mit seinen vier Divisionen Amun, Re, Ptah und Seth seine Hauptstadt Piramesse. Für seinen Weg nach Kadesch benötigte das Heer einen Monat. Ramses hatte den Oberbefehl über die Division des Amun. Die Elitesoldaten der Naruna-Truppe sollten zu einem bestimmten Zeitpunkt von Osten her an dem Flußlauf entlang nach Kadesch vorrücken. An einem Morgen führte Ramses seine Division Amun durch den Wald von Labui. Er wollte rasch südlich der Stadt Schabtuna den Orontes überschreiten, um dann am Ufer nach Kadesch vorzurücken. Kadesch war von dort nur noch zwölf Kilometer entfernt. Ramses Späher griffen zwei Beduinen auf, die sich versteckten. Die Männer gaben sich als Abgesandte der hethitischen Koalition aus, die das Joch von König Muwatallis abschütteln wollten. Die Männer stellten ihm eine Falle. Sie sagten, Muwatallis hielte sich mit seinem Heer weit im Norden, im Land Aleppo, auf und er fürchtet den Pharao so sehr, daß er sich nicht nach Süden traut. In Wahrheit hielt sich Muwatallis mit seinem Heer ganz in der Nähe, im Nordosten der Festung Kadesch versteckt, auf. Ramses bemerkte die Falle nicht und es gab für ihn nur noch ein Ziel. Er zog ganz schnell mit seiner Division Amun zur Festung und wollte sie im Sturm erobern. Beim Eintreffen der anderen drei Divisionen wollte er sich schon als strahlender Sieger präsentieren.
Jetzt drohte eine Katastrophe. Muwatallis und sein Heer hatten sich im Norden von Kadesch zusammengezogen und sich hinter Büschen und hinter der Festung versteckt. Muwatallis griff an zwei Fronten an. Er attackierte Ramses Division Amun und die Division des Re, die gerade den Orontes überschritten hatte und sich der Division Amun anschließen wollte. Ramses schickte sofort seinen Wesir los, um die Division des Ptah schleunigst herbeizuholen. Mit der Hilfe der Division Seth konnte Ramses nicht rechnen, da diese am weitesten entfernt war. Muwatallis startete seine Offensive. Er schickte 2500 Streitwagen mit je drei Mann Besatzung (Lenker, Schildträger und Bogenschütze) in Richtung Orontes. Die Division Re wurde in zwei Teile zersprengt und danach wurde das Lager von Ramses angegriffen. Ramses ließ sein Wagen mit seinen tapferen Pferden „Sieg in Theben“ und „Mut ist zufrieden“ anspannen und jagte mit seinem Schildträger Menna dem Kampfgetümmel entgegen. Im Vertrauen auf seine göttliche Flamme schoß er Pfeil um Pfeil ab, während er seinen Streitwagen mit den Zügeln um die Hüften lenkte. „Er ist wie ein Orkan, der am Himmel erscheint, seine Gewalt ist die Flamme im Stoppelfeld“, heißen die Inschriften zu den Berichten von Kadesch. Plötzlich schienen sich die Reihen des Gegners zu lichten. Im Osten war die kampferprobte Naruna-Truppe eingetroffen und hatte den Feind überrumpelt. Die Elitesoldaten schlugen sich bis zum eingekesselten Ramses durch, der immer noch erbittert gegen die feindliche Übermacht ankämpfte. Die Feinde wurden aus dem Lager vertrieben. Nun verfolgte Ramses mit den Naruna den Feind in Richtung Festung. Im Nordosten sammelte er die Soldaten der Division Re und die im Eilmarsch ankommende Division des Ptah ein. Ramses war wieder Herr der Lage und hatte bei dieser ungleichen Begegnung nur durch seine verzweifelte Entschlossenheit profitiert. Die Divisionen des Ptah und die später eintreffende Division des Seth hatten keine Gelegenheit mehr, sich an den Kämpfen zu beteiligen. Eine Eroberung der Festung Kadesch erschien wegen Ramses geschwächten vier Divisionen sehr unwahrscheinlich und einer Belagerung hätten die Verteidiger wahrscheinlich lange standgehalten. Daher nahm Ramses nach einer Beratung mit seinem Generalstab das Waffenstillstandsangebot Muwatallis an. Ramses scheute offenbar jedes weitere Abenteuer und wollte sich aus dieser heikler Angelegenheit befreien. Ramses II. befahl den Abzug nach Süden und die Rückkehr nach Ägypten. Berichte zu dieser Schlacht sind fast ausschließlich aus ägyptischen Quellen bekannt. Ramses II. ließ seinen Bericht in die bedeutendsten Tempel des Landes, in Abydos, Luxor, dem Ramesseum und in Abu Simbel, eingemeißelt. Dieser Bericht ist eine militärische Abhandlung und wird durch großflächige Reliefs dokumentiert. Neben diesem Bericht gibt es einen weiteren, eher literarischen Text. Ramses II. hat dieses „Kadesch-Gedicht“ vermutlich seinem Schreiber vier Jahre nach der Schlacht selbst diktiert. Einige Situationen werden in diesem Gedicht hervorgehoben, während er andere, wie den Hinterhalt durch die Falschaussage der Beduinen, ganz verschweigt. In dem Gedicht kommen alle Gefühle des Heerführers zum Ausdruck. Während Ramses II. im „Kadesch-Gedicht“ als der alleinige Sieger der Schlacht erscheint, geben die Reliefs des „Kadesch-Berichtes“ eine realitätsnähere Darstellung des Geschehens. Es wird auch deutlich gezeigt, daß Ramses in dieser gefährlichen Situation nicht allein war und das er die Festung nicht erobert hat. Über den Türmen der Festung flackert die feindliche Standarte.